Hausmuseum im Lenninger Schlössle
Seit dem Tag des Offenen Denkmals ist im Oberlenninger Schlössle das neu
eingerichtete Hausmuseum im vorderen Gewölbekeller der Öffentlichkeit
zugänglich. Es zeigt Zufallsfunde, die bei der Renovierung des 400 Jahre alten
Renaissancebaus zutage kamen. Es handelt sich meist um Abfall. Denn Jahrhunderte
lang entsorgten die Bewohner des Fachwerkbaus ihren Müll auf die damals übliche
Weise: Sie warfen ihn in die Abortfallgrube , vergruben ihn im Keller oder
stopften ihn durch die Löcher der stark abgetragenen Fußbodendielen in die
Hohlräume über den Kellergewölben. Einiges verschwand unfreiwillig in den
Bodenritzen. Mancher Unrat wird auch wohl die Lauter hinunter geflossen sein.
Eine geregelte Müllabfuhr gibt es erst seit Beginn des 20.Jahrhunderts in den
Städten.
Bisher waren die Funde nur zum Teil und nur in ungenügender Weise
ausgestellt. Eine 3000 Euro-Spende des Förderkreises Schlössle erleichterte dem
Lenninger Gemeinderat den Entschluss, der Museumseinrichtung mit einem
Gesamt-Kostenaufwand von 10.000 Euro zuzustimmen.
Als idealer Ort für die Präsentation fand sich der rechte Kellerraum im UG
des Schlössle, welcher bisher nur unzureichend genutzt war. Nach Neueinrichtung
mit dem nötigen Mobiliar und Vitrinen wurde ein Fachmann mit Auswahl und
Einrichtung des Hausmuseums beauftrag. Der Restaurator Erwin Raff wählte
jetzt im Sommer 2005 aus den Funden die Ausstellungsobjekte aus und ordnete sie
thematisch in den einzelnen Vitrinen anschaulich, übersichtlich mit knappen
Beschreibungen.
Reste von Bau - und Gebrauchskeramik bilden den größten Bestand. Alle anderen
Funde stehen hinter dieser Materialgruppe naturgemäß zurück. Der Restaurator hat
aus den Fragmenten so ausgewählt, dass ein möglichst breites Spektrum von
Objekten über den Alltag von damals erzählt. Ein Hauch vom ehemaligen Adelssitz
haftet den Butzenscheiben in den alten Bleifassungen an, ebenfalls die Reste der
üppig verzierten grün glasierten Ofenkacheln mit herzoglichen Wappen. Die
zahlreichen Scherben der handwerklich hergestellten Hafnerware weisen auf die
Typenvielfalt hin. Die Töpferware diente der Vorratshaltung, als Koch- und
Essgeschirr. In den verschieden großen Schüsseln wurden die Speisen zubereitet
und so auf den Tisch gebracht. Daraus aß man gemeinsam. Andere Scherben geben
Einblick in vergessene Bräuche. Es sind Deckel von Nachgeburtstöpfen
ausgestellt. Die Nachgeburt so würdig zu bestatten, war bis zum Anfang des
20.Jahrhunderts üblich. Eine mit Draht zusammengeflickte Abdeckhaube für das
Feuerloch weist auf das sparsame Haushalten hin. Äußerst mager war die Ausbeute
der Kleinfunde an Glasscherben. Hausrat aus Glas war teuer und rar.
Im Katasteramt sind 1823 ein Seiler, ein Weber, ein Schuster und ein
Schneider als Eigentümer des einst adeligen Hauses verzeichnet. Diese
Handwerkerfamilien hatten auch noch Anteile an den dazugehörigen Scheuern und
Nebengebäuden und verfügten über Baum - und Grasgärten. So lässt sich daraus
schließen, dass sie auch eine bescheidene Landwirtschaft umtrieben Was mögen die
Familien aus der gemeinsamen Schüssel gelöffelt haben? Tierknochen zeigen, dass
zwar Fleisch auf den Tisch kam. Jedoch sind die gefundenen Mengen für die langen
Zeiträume recht gering. Eier- und Muschelschalen und über hundert
Schneckengehäuse lagen unter den Böden. Schnecken in einer sauren Brühe sei ein
typisches ein Fastenzeitessen gewesen. Die tägliche Nahrung wurde zumeist aus
den Früchten des Ackers. Linsen, Bohnen, Erbsen gekocht und dazu den Mehlbrei.
Eine Roggenähre aus dem 19. Jahrhundert zeigt im Vergleich mit einer heutigen
Ähre, was durch Züchtung und Düngung erreicht wurde.. Noch bis in die
Mitte des 19. Jahrhunderts bedeuteten Missernten Hungersnot, die auch Todesopfer
forderte. Die Auswanderungen nach Amerika 1846 bis 49 wurden, wie landesüblich,
auch von der Oberlenninger Gemeinde mitfinanziert.
Zerrissene Leinenstrümpfe, löchrige Kinderleinenschuhe, ein
zerfleddertes Kinderkleid aus Leinen sind in der Latrine gefunden worden.
Handspindeln und Spinnwirtel mit verschiedenen Verzierungen erinnern daran, wie
noch bis vor Jahrzehnten die Mädchen und Frauen in den Lichtstuben beisammen
waren. Flick -und Nähutensilien seien im ganzen Haus verstreut gefunden worden.
Und ein wenig Kinder -Krims -Krams kam auch aus der "Fundgrube" zutage :
Tonmurmeln, Holzkreisel und Kegel, ein Gummisauger, ein Holzpüpple. Fast zu
übersehen sind Papierfetzen aus einem Gebet- oder Liederbuch. Nicht in jedem
Haus war eine Bibel. Doch die Sprüche und Lieder aus solchen Andachtsbüchern
geleiteten die einfachen Menschen in ihren oft kargen Alltag hinein.
Der vordere Gewölbekeller im Schlössle ist ein idealer Ort für das
Hausmuseum mit den Zufallsfunden. Spuren von den noblen Erbauern mögen
nostalgische Gefühle wecken; die Reste der nachfolgenden Hausbewohner geben
einen Einblick in jene Zeiten ,als einfache Leute nicht nur ihre Suppe
gemeinsam auslöffeln mussten.
Das Hausmuseum kann während den üblichen Öffnungszeiten der Bücherei und des
Museums für Papier- und Buchkunst besichtigt werden:
Di. 11-18 Uhr, Mi. 15-18 Uhr, Do. 15-19.30 Uhr, Fr. 14-18 Uhr, Sa. 10-12 Uhr
und So. 14-17 Uhr.
Erika Hillegaart
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